#Leave no one behind

#Leave no one behind - Unter diesem Credo lief im Corona-Frühjahr die Crew der Alan Kurdi, dem Schiff der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea Eye e.V. aus, um Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Laura Krehl war als Seenotretterin an Bord und schreibt hier über die Organisation der zivilen Seenotrettung, ihren Erfahrungen auf einer Mission und die humanitäre Bedeutung der zivilen Seenotrettung.

Plakat mit Hashtag und Schriftzug "Leave no one behind"

#Leave no one behind - Unter diesem Credo sind wir als Crew der Alan Kurdi, dem Schiff der zivilen Seenotrettungsorganisation Sea Eye e.V. im März 2020 ausgelaufen. Benannt wurde das Schiff nach dem Jungen Alan Kurdi, der mit seinem Bruder Ghalib und seiner Mutter Rehan im Jahr 2015 auf der Flucht im Mittelmeer ums Leben kam. Seit dem Jahr 2016 sind laut der UNO Flüchtlingshilfe über 20.000 Menschen auf dem Weg über das Mittelmeer ertrunken oder werden vermisst. Die lebensgefährliche Flucht, wird leider für viele Menschen zum Verhängnis. Und die Bereitschaft, ein solches Risiko zur Flucht einzugehen, zeigt die Verzweiflung der Schutzsuchenden deutlich. 

Was eigentlich staatliche Aufgabe ist, haben zivile Seenotrettungsorganisationen übernommen, um dem Sterben im Mittelmeer nicht tatenlos zuzusehen und um Menschen in Not zu helfen. Zurzeit sind lediglich nur noch ein paar Organisationen aktiv. Vereine wie Sea Eye, Sea Watch, Proactiva Open Arms, Mediterranea Saving Humans, SOS Mediterranee und Mission Lifeline kämpfen seit Jahren gegen die Kriminalisierung von Seenotrettung. Durch Blockaden und Festsetzungen unserer Schiffe wird die zivile Seenotrettung durch Regierungen aktiv verhindert, und somit das Sterben im Mittelmeer gefördert.

Auf der Mission sind wir ein multiprofessionelles, internationales Team von qualifizierten und motivierten Menschen. Dieses Team setzt sich aus der Einsatzcrew und der Schiffscrew zusammen.  Ein Einsatz ist in der Regel auf 3 Wochen ausgelegt, es wird aber empfohlen eine vierte Woche als Reserve einzuplanen.

Die Schiffscrew besteht professionellen Seeleuten zur Schiffsführung. Sie setzt sich zusammen aus dem Kapitän/ der Kapitänin, den beiden nautischen Offizier*innen, einem Leiter oder einer Leiterin für die Maschinenanlage, sowie zwei Menschen für das Deck.  Eine Position in diesem Teil der Crew, erfordert spezielle Ausbildung bzw. international anerkannte Befähigungen.

Die Einsatzcrew besteht aus ehrenamtlichen Crewmitgliedern in verschiedenen Positionen. Um unsere Einsätze erfolgreich meistern zu können, benötigen wir auch hier Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern.

Die Einsatzcrew setzt sich aus dem Arzt/der Ärztin, einem Paramedic, einem Koch/einer Köchin, einer Einsatzleitung, einem Menschenrechtsbeobachter/einer Menschenrechtsbeobachterin, einem Medienkoordinator/einer Medienkoordinatorin, einer weiteren Deckhand, einer Vertretung der Presse, einem Zweitmaschinisten/einer Zweitmaschinistin, sowie zwei RIB Teams zusammen.

Um bei einer Rettung an das Geflüchtetenboot ranzufahren und die Leute auf das Schiff zu bringen, haben wir zwei Schlauchboote mit festem Rumpf an Bord. Um diese zu führen, braucht es jeweils eine*n RIB Kommunikator*in , der/ die Erstkontakt mit dem Boot in Seenot herstellt, eine*n RIB Fahrer*in, mit gültigem Befähigungsnachweis, der/die das Boot steuert und eine*n RIB Leiter*in der/ die die Koordination des RIB Teams auf dem jeweiligen RIB übernimmt.

Da wir ein internationales Team sind, sind Englischkenntnisse Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. Die Aufgaben an Bord sind vielfältig. Abgesehen von den Positionen die jede*r einnimmt, sind so gut wie alle Crewmitglieder in alltägliche Aufgaben verwickelt. Von Ausschau nach Schutzsuchenden bis zum Kochen für die Gäste ist alles dabei.

Unsere Mission im März 2020 begann inmitten der Corona Hochphase im Frühjahr. Denn auch Corona war und ist keine Entschuldigung dafür, Menschen ertrinken zu lassen, die vor Hunger, Krieg, Verfolgung und Folter fliehen.

Im Folgendem werde ich von der Mission berichten bei der ich dabei war, aber nichts desto trotzt, wird es, meiner Meinung nach, der ganzen Thematik nicht vollkommen gerecht.

Denn auch wenn ich eine schwierige Rettung erlebt habe und auch wenn ich einen kleinen Teil der Geschichten der Menschen erfahren durfte, so werde ich nie ganz nachvollziehen können, wie schwer es für sie sein gewesen muss. Ich kann mir die Zustände in den Foltercamps in denen einige von ihnen waren nicht vorstellen, ich kann mir nicht vorstellen wie es ist, in einem Land in dem Bürgerkrieg herrscht aufzuwachsen und ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, seine ganze Familie zurück lassen zu müssen.

Deswegen will ich hier ein paar Momente beschreiben, die mich berührt haben oder die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.

Angefangen mit unserer ersten Rettung am 07. April. 2020 bei der wir durch die libysche Miliz behindert wurden. Durch gefährliche Manöver verursachten sie Panik, ca. 50 Menschen sprangen ins Wasser.  Nach und nach haben wir die Menschen an Bord geholt. Viele von Ihnen hatten nicht mehr, als die nasse Kleidung, die sie trugen, dabei.

Es folgte noch eine zweite Rettung und am Ende des Tages hatten wir 150 Menschen an Bord.

Darauf waren wir in einem zwölftägigen Stand Off, ein Zeitraum bei dem das Schiff auf See, mit den Gästen an Bord, auf einen sicheren Hafen wartet. Die Verzweiflung und die Angst der Menschen wuchs  jeden Tag ein bisschen mehr. Oft sagten sie, dass ihre größte Angst darin besteht, dass sie wieder zurück nach Libyen müssen. Einige von ihnen hatten Folternarben und waren sichtbar traumatisiert. 12 Tage verharrten sie auf engstem Raum, ohne die Gewissheit, wie es weiter geht.

Erst nach nachträglichen Proviantversorgungen, einem Suizidversuch, einem Mann, der aus Verzweiflung über Bord sprang und weiteren Vorfällen, bekamen wir die Zusage die Gäste vor der Küste Palermos auf eine Fähre zur Quarantäne zu bringen.

Nachdem auch wir unsere Quarantäne vor der Küste Palermos verbracht hatten und unser Schiff in den Hafen einlaufen durfte, wurden wir von italienischen Behörden festgesetzt. Unser Schiff sei nicht ausgelegt gewesen für die Anzahl an Menschen, die wir gerettet hatten. Unser Flaggenstaat Deutschland sah das anders, nach einigen Wochen durfte die Alan Kurdi nach Spanien zu einer Sommerwerft.

Derzeit ist sie wieder auf dem Weg ins Einsatzgebiet, um das zu tun, was eigentlich staatliche Aufgabe ist. Und wieder ist sie gerade das einzige Schiff, dass auf dem Weg in die SAR Zone (Search and Rescue Zone) ist. Es ist frustrierend zu sehen, dass wiederholt die Rettung Schutzsuchender verhindert wird. Es ist frustrierend zu sehen, dass Menschen unter unwürdigen Bedingungen in völlig überfüllten Camps auf den griechischen Inseln leben müssen. Und es ist frustrierend zu sehen, dass die Menschen die alles zurückgelassen haben und mit der Hoffnung auf ein besseres Leben hergekommen sind, in ein System gelangen, dass sie nicht einmal annähernd gerecht behandelt.

Deswegen fordern wir als zivile Seennotrettungsorganisation Sea-Eye das Ende der Kriminalisierung von ziviler Seenotrettung, eine Beendigung der Unterstützung für die sogenannte libysche Küstenwache, eine sofortige Verteilung aller Schutzsuchende, sichere Häfen für Rettungsschiffe und die Evakuierung der Camps auf den griechischen Inseln.

Das Recht für das diese Menschen kämpfen müssen, ist ein Grundrecht, dass jedem und jeder auf dieser Welt zustehen muss.


Mehr zum Thema:

Im Juni 2020 haben wir mit Laura Krehl, dem Europa-Parlamentarier Erik Marquardt und dem Seebrücke-Aktivisten Pablo Beh (Seebrücke Erfurt) ein Online-Podium zur "Doppelten Krise im Mittelmeer" veranstaltet. Hier kann diese Veranstaltung nochmal nachgeschaut werden:


Weiterführende Informationen:

Um euch näher zu den einzelnen Positionen, dem Schiffsalltag sowie zu weiteren Unterstützungsmöglichkeiten und News zu informieren, schaut gerne auf der Website des Sea Eye e.V. vorbei. https://sea-eye.org/